HARIEL - Halle ARIEL
Gerald Lutze und Heiner Schnelling
aus: scientia halensis 4/1997, S. 13 - 15
Die Bibliothek der Martin-Luther-Universität arbeitet seit 1992 in einem Verbund, der zunächst die wissenschaftlichen Bibliotheken Niedersachsen und Sachsen-Anhalt umfaßte. Er wurde dann schrittweise erweitert um die wissenschaftlichen Bibliotheken in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Der Verbund, betrieben vom Bibliotheksrechenzentrum in Göttingen, wurde so zu einer Bibliothekslandschaft, in der 170 Bibliotheken ihre Bestände in eine gemeinsame Datenbank einbringen und ihre EDV nach einem abgestimmten Konzept entwickeln.
In Halle erfolgt seit 1993 die Katalogisierung im Verbund, seit 1994 die Fernleihe, seit 1996 auch die Erwerbung. Das nützt nicht nur der Zentrale: Inzwischen erledigen 40 Zweigbibliotheken Erwerbung und Katalogisierung im Verbund. Erklärtes Ziel ist es, alsbald so viele Zweigbibliotheken wie möglich in die direkte Arbeit im Verbund einzubeziehen.
EDV ist kein Selbstzweck für Bibliotheken
Entscheidend für die Arbeit in einem Verbund ist immer, ob sich auch für die BenutzerInnen Vorteile ergeben. Es geht vor allem um die Frage, wie die BenutzerInnen vom großen Pool bibliographischer Daten profitieren, wie sie so bequem wie möglich an bestimmte, im Verbund-Pool nachgewiesene Literatur gelangen können.
Seit der Einrichtung des Verbundes wurden zwei Ziele konsequent verfolgt: Nachweis von Literatur sowie Bestell- und Liefermöglichkeit der nachgewiesenen Literatur. Unter den deutschen Verbünden ist der "Gemeinsame Bibliotheksverbund" (GBV) führend.
Er nimmt mittlerweile auch den Nachweis von Dokumenten in sein Angebot auf, die in anderen Verbünden noch fehlen: Aufsätze in Zeitschriften. Und er hat Verfahren zur direkten Bestellung dieser Zeitschriften-Aufsätze eingerichtet. Seit Januar 1997 können BenutzerInnen in Halle direkt in der Datenbank Online Contents (OLC) des Verbundes recherchieren und Aufsätze per Knopfdruck bestellen. Diese Datenbank umfaßt ca. 15.000 Zeitschriften aus allen Disziplinen, deren Inhaltsverzeichnisse der letzten fünf Jahrgänge, laufend aktualisiert, nachgewiesen werden. Wo? Über die Homepage der Bibliothek.
Bei allen diesen Service-Leistungen befindet sich der GBV auf einer Linie mit europäischen Projekten, etwa dem Projekt EDIL (Electronic Document Interchange between Libraries), in dem mehrere Länder bestrebt sind, nationale Ansätze (in Deutschland führend: der GBV) zu effizienten übernationalen Verfahren zu bündeln.
Ziele von EDV-Projekten in wissenschaftlichen Bibliotheken:
Die Ziele der EDV in Bibliotheken sind umso wichtiger, als die Preise der von einzelnen Bibliotheken laufend bezogenen Zeitschriften - insbesondere in Verbindung mit Dollar- und Pfund-Kursen - in den letzten Jahren drastisch gestiegen sind. Gleichzeitig sinkt der reale Etat.
Die Kürzungen führen u.a. dazu, daß in dezentral organisierten universitären Bibliothekssystemen Zeitschriften-Dubletten abgebaut werden müssen. Das Problem zulösen, wo das einzig noch bezahlbare Exemplar einer Zeitschrift aufgestellt werden sollte, helfen die neuen Verfahren, indem die Vorteile des Nachweises und der Lieferung von Dokumenten, die für die Fernleihe immer selbstverständlicher werden, auch für die inner-universitäre Literaturversorgung genutzt werden. Dies wird durch HARIEL gewährleistet.
So funktioniert HARIEL
HARIEL ist ausschließlich für die Angehörigen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg konzipiert und es werden nur universitätsinterne Bestellungen auf Dokumente realisiert.
Im Ablaufschema HARIEL (siehe Abb. 1) wird das Szenario für den Nutzer sichtbar. Im Detail wird dem Informationssuchenden bei einer Recherche im OLC im GBV mitgeteilt, daß das von ihm gewünschte Dokument in Halle in der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt verfügbar ist. Wenn diese Zeitschrift in einer Zweigbibliothek für den lokalen Lieferdienst freigegeben (Testphase mit Einschränkungen) ist, hat er verschiedene Möglichkeiten, sich mit einer Bestellung an die Zweigbibliothek zu wenden. In der Regel sollte das Dokument auf dem gewünschten Lieferweg am nächsten Tag zugestellt sein. Lieferungen per e-Mail sind dabei an einen bestimmten Artikelumfang (ca.10-15 Seiten) gebunden. Neben e-Mail-Bestellung und Lieferung ist FAX- und Ariel-Direktlieferung möglich.
Technische Dokumentlieferungs- und Empfangsmöglichkeiten in HARIEL:
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Dokumentlieferung über: |
Dokumentempfang über:
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- klassische Ariel-Station - E-mail-Versand der Ariel-Station - FAX - Client G3/G4 von der Ariel-Station - klassische FAX-Geräte - Unipost als Papier |
- E-Mailbox des/der Endbenutzers/in (spezielle Viewer sind im Internet) - FAX-Geräte G3/G4 (Klassisch und PC über FAX -Server der Universität) - Ariel-Station (print-only) in den Zweigbibliotheken der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt - Papierform über Unipost |
Die Ariel-Stationen bestehen aus einen PC mit Internet-Zugang (FTP, einer permanenten IP-Adresse und e-Mail-Funktion über POP3-e-Mail-Account), einem Laserdrucker und einem Scanner Fujitsu 3096x mit dem SCSI-Interface und Kompressionsboard.
Am Beispiel des Nutzers Mustermann wird die Realisierung einer HARIEL-Dokumentbestellung und -lieferung exemplarisch dargestellt: Herr Mustermann hat im Campusnetz oder im Internet recherchiert und ihm wurde vom System mitgeteilt, daß die gewünschte Literatur in einer Zweigbibliothek der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt vorhanden ist. Nun kann er einen Vordruck in seiner Zweigbibliothek ausfüllen und abgeben. Darauf muß er vermerken, wie er das gewünschte Dokument geliefert bekommen möchte: als FAX, als Papierdokument oder als e-Mail möglich. Herr Mustermann hat natürlich auch die Möglichkeit ein e-Mail an die Zweigbibliothek über die WWW-Seiten des Servers der Universitätsbibliothek zu versenden, wenn er weiß, diese Zweigbibliothek besitzt die Zeitschrift. Gleichfalls funktioniert diese Möglichkeit mit einem FAX-Vordruck über den FAX-Server der Universität.
In der Testphase wird eine begrenzte Anzahl (ca. 10) von Zeitschriften pro Zweigbibliothek auswählbar sein. Nach Eingang der Bestellung in der Zweigbibliothek wird die Zeitschrift gescannt und der gewünschte Lieferweg erfüllt. Herr Mustermann hat dann das nichtrückgabepflichtige Dokument alsbald zur Verfügung. Es ist ratsam, daß Herr Mustermann seine elektronische Bestellung kopiert, um gegebenenfalls nochmals nachfragen zu können.
Die dargestellten Dokumentlieferverfahren beruhen auf dem Digitalisieren von Dokumenten, die nicht auf Computern langzeitgespeichert werden. Zukünftig ist man national und international auf dem Weg, große Bestände an Literatur als Images zu digitalisieren oder in geeigneter maschinenlesbarer Form auf Dokumentenservern abzulegen. Beispiele sind Projekte in der Retro-Digitalisierung, WEBDOC oder Dissertation-online.
Das Internet stellt den EndbenutzerInnen künftig geeignete Zugangssysteme mit besseren Sicherheits-routinen und Verkryptungsverfahren zur Verfügung. Wir werden diesen Entwicklungen die notwendige Aufmerksamkeit schenken und die damit verbundenen besseren Möglichkeiten der Informations- und Literaturbeschaffung an die Angehörigen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg weitergeben.
Die technische Basis bilden die im Netz der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg integrierten sogenannten Ariel-Stationen (siehe Abb. 2).
Über das Protokoll TCP/IP können diese Dienste bereitgestellt werden.
Es gibt aktive und passive Ariel-Stationen. Eine aktive Ariel-Station ist in der Lage, den vollen Funktionsumfang zu realisieren, da sie über einen Scanner verfügt. Eine passive Ariel-Station (ohne Scanner) kann nur Ariel-Dokumente empfangen und weiterleiten. Abbildung 2 zeigt die geplante Verteilung über das Uninetz.
EndbenutzerInnen können über verschiedene Zugangssysteme bestellen. Über die WWW-Seiten der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt erreichen sie per Mail- oder FAX-Vordruck die Zweigbibliothek.
Die Erfahrungen der Testphase sollen dann im Routineberieb ab März 1998 mit weiteren Zweigbibliotheken und anderen wissenschaftlichen Bibliotheken im Lokalen Bibliothekssystem Halle-Merseburg genutzt werden.
Diese Art der Literaturversorgung ist ein Mosaikstein im gesamten Komplex nationaler und internationaler Dokumentliefersysteme, um Informationsversorgung, -beschaffung und -lieferung für die EndbenutzerInnen so einfach wie möglich zu gestalten.
Wir beteiligen uns natürlich auch an den kostenpflichtigen Liefersystemen GBV-Direkt und SUBITO. Diese laufen ähnlich wie HARIEL ab; man erhält zusätzlich eine Rechnung der Lieferbibliothek, die das Dokument zur Verfügung stellt. NutzerInnen sollte hier explizit auf die zu erwartenden Kosten achten.
Was bietet die Zukunft?
Dr. Gerald Lutze (Jg. 1958) studierte von 1980 bis 1984 in Halle Technikwissenschaften. Von 1984 bis 1993 war er im Bereich Technische Systeme der Pädagogischen Hochschule Halle-Köthen bzw. der Martin-Luther-Universität tätig (Promotion 1989). Seit 1993 ist er Systemadministrator in der Abteilung Information / Dokumentation der Universitäts- und Landesbibliothek.
webadm / 23.11.98